AUTOVERKÄUFER OHNE FAHRSPASS?

Bild: Objekt Mund aus Stein

Dieser Artikel ist von einem Pastor geschrieben worden, der an einer Visionssuche in der School of lost borders teilgenommen hat. Er ist Teil unseres Visionssucheteams. Der Artikel ist im Februar 2013 in einer Fachzeitschrift für Pastorinnen und Pastoren erschienen.

Autoverkäufer ohne Fahrspaß?

Jeder Beruf stellt die Seele des Ausübenden vor spezielle Herausforderungen; so auch der der Pastorin oder des Pastors. Am schärfsten auf den Punkt gebracht hat es ein Kollege: »Der Beruf hat mich verändert. Er hat aus einem religiösen Menschen einen Marketingexperten für Religiöses gemacht. Und ich fühle mich inzwischen wie ein Autoverkäufer, der den Spaß am Autofahren verloren hat.« Das Herz ist bei vielem nicht mehr beteiligt. Gleichzeitig muss man sein Herz davor schützen, sich in den vielen oder den falschen Aufgaben zu verschleißen. Dann stellt sich irgendwann die Frage: Ist das, was ich tue, das, was mich immer wieder mich lebendig fühlen lässt und lebendig erhält? Und lässt es mich immer wieder mal abends erschöpft – aber zufrieden – ins Bett fallen, weil mich das, was ich getan habe, berührt und bereichert hat?

Viele Pastorinnen und Pastoren haben nach 20 Jahren Pastor-Sein das Gefühl, dass es noch mal eine spirituelle Belebung bräuchte; noch mal eine Öffnung der mit den Jahren immer enger gewordenen Glaubenswahrnehmungen und -empfindungen und der auch immer schmaler werdenden persönlichen spirituellen Praxis. Bestimmte Wahrnehmungen haben sich bewährt, aber oft bestimmt der Beruf auch die Richtung des persönlichen Wachstums. Häufig stellte sich bei neuen Entdeckungen schon gleich der Gedanke ein, wie sich das beruflich nutzen ließe. Auf der anderen Seite wird vieles verschüttet in 20 Jahren Pastor-Sein. Dabei möchte ich mich als Pastor oder Pastorin doch mit vielem, was ich tue, selber weiter kennenlernen und ausprobieren. Es müsste also etwas sein, das mich über meine gewohnten Grenzen hinausführt, wo ich an mir selbst neue Seiten oder verschüttete alte Seiten entdecken kann. Und natürlich bleibt immer die Frage: Wo steh ich in meinem Leben und welchen Herausforderungen möchte ich mich noch stellen? Gibt es noch ungelebte Begabungen und Interessen in mir, die an die Oberfläche drängen?

Es gibt in unserer Kirche etliche gute Angebote, im spirituellen und im personalentwicklerischen Bereich, die versuchen, auf die oben geschilderte Defiziterfahrung zu reagieren. Gerade auch im Zusammenhang mit dem Begriff Burn-Out sind in unserer Kirche Dinge wie Coaching, Retraites und Exerzitien und das in Lübeck entwickelte Minisabbatical geschätzte Mittel.

Ich habe eine etwas andere Fortbildung kennengelernt, die viele von solchen Wünschen und Bedürfnissen aufnimmt. Sie ermöglicht auf sehr individuelle und gründliche Art eine Auseinandersetzung und Wertschätzung der Realitäten und sie zeigt die eigene Kraft und eigene Möglichkeiten, das Leben aktiv und sinnvoll – und mit Herz – zu gestalten. Und das sei gleich dazugesagt, sie hat mich schlichtweg begeistert.

Die Vision-Quest

Im Februar 2012 habe ich an einer spirituellen Auszeit in der Wüste teilgenommen. Diese Vision-Quest ist die Suche nach einer Vision. Es ist ein Rückzug in möglichst unberührte Natur, um z.B. auf wichtige Lebensfragen Antworten zu bekommen, den Übergang von einem zum nächsten Lebensabschnitt zu begehen oder spirituelle Wahrnehmungsmöglichkeiten neu zu beleben und neu auszurichten.

Der Kern der insgesamt 12-tägigen Visionssuche ist ein Aufenthalt über 4 Tage und Nächte in möglichst unberührter Wildnis. Dazu zieht man sich auf einen selbstgesuchten, einsamen Platz zurück. Während dieser Zeit fastet man, das heißt, man nimmt ausschließlich Wasser zu sich. Man verzichtet auf jeglichen menschlichen Kontakt und auf Komfort. Man geht nur ausgerüstet mit einem Schlafsack, einer Plane und (bei meinem Alter) natürlich mit einer »guten« Isomatte hinaus sowie mit der Kulturtasche. Die letzte der 4 Nächte ist eine Bet- und Wachnacht, man verzichtet also auch noch auf Schlaf. Für Notfälle gibt es ein funktionierendes Sicherungssystem.

Das wird entsprechend unter Anleitung ausgebildeter und erfahrener Leiter in der Gruppe vor- und nachbereitet. Die mentale Vorbereitungszeit beginnt allerdings schon mit der Anmeldung. Sie können mir glauben, von dem Moment an, an dem ich mich für die Visionssuche entschieden habe, habe ich mindestens einmal pro Tag daran denken müssen. Wie das wohl wird? Wie man damit klar kommt und was da wohl passieren wird? Sie fangen an, das innerlich vorzubereiten.

Der nächste Schritt ist es, sich hinzusetzen und aufzuschreiben: was will ich mit der Visionssuche eigentlich erreichen? Das hilft zu klären, was einen daran eigentlich reizt, lockt oder ruft. Wo stehe ich zur jetzigen Zeit in meinem Leben? Persönlich, familiär, im Freundeskreis und beruflich? Was möchte ich mit diesem Ritual begehen oder deutlich machen? Wovon träume ich? Die für mich dahinter stehende Frage ist: Was ist das Ureigene und Besondere, das ich der Welt, meiner Kirche, meiner Familie und mir bringe und wie kann es für den nächsten Lebensabschnitt mein innerer Wegweiser und Energiespender sein? Man sagt, die Nachbereitung dauert alles in allem etwa ein Jahr. Solange braucht es, bis das Erlebte integriert ist und die angestoßenen Prozesse abgeschlossen sind.

Theophanie und Natur

Ganz unbekannt ist uns Theologinnen und Theologen das Setting der Vision-Quest ja nicht: Moses wechselt am Dornbusch aus dem Hirtendasein in eine Leitungsposition. Elija, zermürbt und müde vom Prophetenalltag macht am Horeb eine bewegende Gotteserfahrung. Schon etwas methodischer: Jesus klärt und bereitet eine bis dahin wohl nur gefühlte oder geahnte Aufgabe in der Wüste vor.

Das Geschehen, das einen neuen Lebensabschnitt einläutet, folgt immer einem ähnlichen Muster: Der Suchende geht in die Einsamkeit, er fastet. Die Natur wird Ort einer Offenbarung oder gar zum Sprachrohr Gottes. Oder anders gesagt: Sie wird zum Spiegel der Seele in ihrem Dialog mit dem Heiligen.

Inmitten von Eintönigkeit und Müdigkeit gibt es ein herausragendes Ereignis, das die Kraft und die Freiheit schenkt, das Leben neu zu gestalten und mit offenem Herz und weitem Blick eine neue Aufgabe als die Ureigenste zu entdecken.

Dies sind nicht die einzigen Stellen in der Bibel, die an ein solches Ritual erinnern. Jesu Verklärung auf dem Berg, Jakob kämpft am Jabbock, ganze Prophetenschulen leben zurückgezogen und fastend in der Wüste. Es war offensichtlich als Ritual weit verbreitet, nur bei den großen Gestalten des Glaubens wurde es dokumentiert und tradiert.

Überall in der Welt finden sich Hinweise auf solche oder ähnliche Rituale: zur spirituellen Selbstklärung, zur Inszenierung eines Lebensüberganges oder zur Prüfung einer inneren Motivation.

Die Schule

Meredith Little und Steven Forster haben nach jahrelanger Forschungen an mystischen Traditionen in allen Teilen der Welt ein indianisches Passageritual zur Grundlage genommen, um mit Hilfe jungianischer Psychologie eine moderne Form der Visions-Suche daraus zu machen. Kennengelernt habe ich es schon 1988 während meines Auslandsvikariates in den USA. Dort hatte ich Gelegenheit am Lutheran Seminary in St. Paul bei einem indianischen Professor ökumenische Studien zu betreiben. Inzwischen ist Vision-Quest auch in Deutschland aus der Esoterik-Ecke heraus in das Portfolio vieler Therapeuten und Berater mit anerkannten westlichen Ausbildungen gewandert.

Die ›School of lost borders‹ stellt seit 30 Jahren diese Zeremonie zur Verfügung, in die jeder sich mit seinem Glauben, Traditionen und Wertevorstellungen einbringen kann. Es ist ein ökumenisches Angebot für Angehörige aller Religionen und Konfessionen, weil es eine ganz allgemeinmenschliche, spirituelle Ebene anspricht. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit und Intensität eine Gemeinschaft zwischen den Teilnehmer/innen aus allen verschiedenen Religionen und Ländern entstand.

Die Einsamkeit

Es war schon sehr spannend, in der Einsamkeit zu sehen und zu merken, was von mir übrig bleibt, wenn mein Alltag und mein gewohntes Umfeld nicht mehr da ist, wenn meine üblichen Verhaltensweisen mich nicht mehr stützen. Plötzlich wurden die innere Stimme und die Intuition deutlicher vernehmbar. Es war genug Zeit, Eingebungen zu folgen, spielerisch mit Tier und Naturbegegnungen umzugehen. Erinnerungen oder Bilder steigen mit großer Lebendigkeit auf und bekommen einen neuen Deutungszusammenhang. Und Antworten auf die mitgenommene Frage entstehen. Manchen Teilnehmer hat die Einsamkeit dazu gebracht eine beendete Partnerschaft abzuschließen oder Konflikthaftes zu bearbeiten und hinter sich zu lassen. Andere haben motivierende Vorstellungen von Ihrer zukünftigen Rolle als Großmutter oder in einem neuen Berufsfeld bekommen. Das Bild, das ich von mir selbst hatte, hat völlig neue Facetten bekommen. Bekannte wurden neu gewichtet und Vergessene sind wichtig geworden.

Die Natur

Es hat mich gereizt, mich ganz und gar der natürlichen Umgebung zu überlassen; wieder Vertrauen zu gewinnen in die Regungen und Weisheit des Körpers und der Natur, in den Tag-Nachtrythmus, in Wetter, Pflanzen und Tiere in die Natur. Es war gut, sich als Teil der Natur zu erleben und Erfahrungen jenseits unserer üblichen Entfremdung von der Natur zu machen.

Die Angst vor Klapperschlangen, Skorpionen und Berglöwen war mit dem ersten Tag wie weggeblasen. (In den 30 Jahren Praxis und Tausenden von Vision-Quests hat es übrigens noch keinen einzigen Unfall mit Tieren gegeben.) Im Gegenteil, plötzlich merkt man nach einer längeren Zeit, dass man noch nie so genau eine Fliege beobachtet hat. Nach dem zweiten Tag freut man sich über jedes Tier, das mal vorbeikommt, und begrüßt es neugierig. Die Art und Weise, wie sich eine Ameise mit einem großen Stück Holz ihren Weg durch den Alltag bahnt und warum Sie dabei wohl so energisch bleibt, wird sprechend für manche eigene Situation. Auch wenn man weiß, dass die Antworten aus dem eigenen Kopf kommen, ist man überrascht, was Tiere, Pflanzen oder auch Steine einem zu seinem Anliegen sagen können.

Das Baumskelett teilt etwas mit, von der Schönheit und der Würde des Alterns. Und mit dem Felsen, der so ewig missmutig dreinzuschauen scheint, entspinnt sich ein anregender Dialog über eigene Skepsis. Und die freudige Erwartung der wärmenden Sonne, wenn ihr Licht morgens langsam die Berge und Hänge hinunterkriecht, bekommt eine Verbindung zu eigenen Erwartungen. Die Natur spiegelt eigene Ahnungen, Intuitionen, aber auch Ängste und Verletzungen. Dinge steigen ins Bewusstsein auf, die im normalen Alltag keine Chance bekommen, wahrgenommen zu werden. Die eigenen Tagträume, Phantasien werden viel deutlicher, hängen einem länger nach, bekommen plötzlich eine Botschaft.

Zu dem allem hinzu kommt eine unglaubliche Verbundenheit mit meinem Platz, den verschiedenen Felsen um mich herum und mit dem Boden, auf dem ich stehe. Es fühlte sich lebendig an. »Von der Erde bist Du genommen und zu Erde sollst Du wieder werden«, dieser Satz aus unserer Beerdigungsliturgie hat für mich jetzt noch eine viel tiefere Bedeutung bekommen; der Mensch als Mitgeschöpf unter anderen Geschöpfen. Er hat auch etwas von seinem Schrecken verloren. Es stellte sich mitunter ein Gefühl hoher Verbundenheit mit der Welt als Ganzheit ein. Oder wie der amerikanische Archäologe Frankfort es sagt: »aus dem Es (der Natur) wird ein Du«, das uns trägt und ansprechbar ist; so wie es in unserem alten nicht mehr gebräuchlichen Wort von der »Mutter Erde« noch transportiert wird. In diesem Wort hallt etwas von einem anderen Wahrnehmungskonzept nach. Dazu las sich Jürgen Moltmanns »Ethik der Erde« in seinem Buch Ethik der Hoffnung wie ein wundervoller Kommentar.

Das Fasten

Ich hatte schon Vorerfahrungen mit Fasten. Von daher war mir auch klar, dass das Hungergefühl sehr bald in den Hintergrund tritt. Aber eine Null-Kalorien-Diät verlangsamt das Leben schon sehr. Mit der gewohnten Energie kommt man die Berge nicht mehr hoch. Es braucht wesentlich mehr Pausen. Die Wahrnehmung verändert sich. Mit der Zeit, mit dem Fasten und der Einsamkeit wird unser Bewusstsein durchlässiger. Es kommt einem so vor, als würde man neben der logischen und normalen Wahrnehmung plötzlich auch für andere Signale und vorrationalen Erlebnisweisen empfänglich werden.

Meine üblichen Wahrnehmungsfilter und vielleicht auch die eine oder andere ›déformation professionnelle‹, die sich ja auch in unserem Beruf einstellt, wurden schlicht außer Kraft gesetzt. An wichtigen Stellen musste ich das Gegenankämpfen aufgeben, konnte loslassen und mich einem heilenden Prozess anvertrauen. Die Beschränkungen des eigenen Bildes von sich oder der erhaltenen Prägung wurden sichtbar und »handle«-bar; bei gleichzeitigem Staunen darüber, was noch so alles an Wissen und Möglichkeiten in einem steckt – und zwar schon lange.

Mein Fazit

Die Leiter haben immer gesagt: »Wir rühren nur Deinen Topf um, damit alles noch mal in Bewegung kommt – auch das, was sich am Boden abgesetzt hatte. Dann hat es die Chance sich neu zu setzen und das wird viel verändern.« Und so ist es auch gekommen.

Für mich war die Vision-Quest eine der nachhaltigsten Erlebnisse der letzten Jahre. Sie hatte eine klärende und bereichernde Auswirkung auf mich persönlich als Mensch und Glaubender, auf meine Familie und auf meinen Beruf als Pastor und Berater. Und sie hat mein Verhältnis zur Natur verändert. Ich träume davon, auch anderen Kolleginnen und Kollegen ähnliche Erfahrungen zu ermöglichen.

Weitergehende Literatur:

Sylvia Koch-Weser u. Geseko von Lüpke: Vision Quest.
Drachen, 1. Aufl., Dezember 2009

Jürgen Moltmann: Ethik der Hoffnung.
Gütersloher Verlagshaus, 1. Aufl., Juli 2010
(siehe: Ethik der Erde S.:127 - 187)

Bill Plotkin: Soulcraft. Die Mysterien von Natur und Seele.
Arun-Verlag, 2. Aufl., März 2011

Theodore Roszak: Öko-Psychologie. Der entwurzelte Mensch und der Ruf der Erde.
Kreuz-Verlag, Stuttgart 1994

Autoverkäufer ohne Fahrspaß
Bernd Soltau | 9. Jan. 2013

VERMERK ZUM IMPRESSUM:
Allein Verantwortlich für den gesamten Inhalt dieses Artikels – mit Ausnahme der Bebilderung – ist Bernd Soltau.

Bild: Adler fliegt
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